Windeln packen und ab in die Freiheit
Nach über einem Jahr Pause und einigen cleveren Anpassungen an „Gregy“ – wie etwa einem zusätzlichen Kinderbett – starteten wir am Vormittag des 5. Septembers in unser nächstes, grosses Reiseabenteuer. Für uns war es das erste Mal in dieser Konstellation, und wir wussten, dass uns einiges erwarten würde. So waren nicht nur zusätzliche Windeln im Gepäck, sondern auch eine Prise Respekt. Unser erster Halt war etwa in der Mitte Deutschlands, wo wir Dorians Halbschwester Sheila und ihren Freund trafen und einige schöne Stunden auf einem Spielplatz verbrachten.
Überfahrt mit der Fähre
Am Abend darauf legte unsere Fähre in Travemünde ab. 30 Stunden Fahrt – mit Finn, auf der Finnline nach Finnland. Der Name ist somit Programm. Nebst dem „Bäuelibad“ (wo sich seine Begeisterung noch in Grenzen hielt) auf der Fähre, konnten wir uns mit kurzen Spaziergängen an Deck und gutem Essen sowie ein, zwei Hopfensmoothies die Zeit vertreiben. Nachdem wir die letzten Vorzüge der Fähre genossen (wie beispielsweise einer ausgiebig langen, heissen Dusche), verliessen wir am Morgen früh die Fähre und bogen „rechts ab“. Einmal mehr, hatten wir keine Pläne, was wir hier erleben wollen – das Leben ist schliesslich voller Überraschungen, welche wir nicht verpassen möchten.
Lastwagen und Landschaft
Auf der Autobahn viel Dorian gleich auf, dass die Lastwagen hierzulande ganz anders aussehen (viel mehr Achsen und viel länger). So erscheinen die in der Schweiz üblichen 40T Lastwagen wie ein Kleinwagen dagegen. Eine Recherche ergab, dass in Finnland das Maximalgewicht von Lastwagen bei 76 Tonnen (also fast das doppelte) liegt und die Maximallänge, mit 34.5 Meter (ca. siebenmal Gregy hintereinandergestellt!), auch doppelt so lange wie bei uns ist.
Schlussendlich haben wir das Land im „Gegenuhrzeigersinn“ bereist. Auf Höhe Oulu (was kurz vor Lappland und etwa in der Mitte von Finnland ist) haben wir in Richtung Westen abgebogen. Ohne auf jeden einzelnen Übernachtungsplatz einzugehen, können wir unsere Reiseexperience für Finnland wie folgt zusammenfassen: Das finnische Volk war stets sehr freundlich, zuvorkommend und unkompliziert. Das Land selbst ist extrem sauber – man findet am Strassenrand praktisch nie Abfall (viel weniger als in der Schweiz). An den meisten Seeen (und es gibt tausende davon) wurden liebevoll Grillstellen, Trockentoiletten und ein Shelter sowie ein riesiges Feuerholzlager hergerichtet und ausgestattet, welches für alle frei verwendbar und zugänglich ist. In den drei Wochen in der finnischen Wildnis und bei unzähligen Gängen auf Trockentoiletten können wir nun guten Gewissens sagen, dass alle der angetroffenen stillen (jedenfalls wenn wir nicht da waren) Örtchen sehr „amächelig“ (sofern man das so nennen kann) waren.
Fun Fact am Rande
Man weiss gar nicht so genau, wie viele Seen Finnland tatsächlich hat, da es keine Definition gibt, was erfüllt sein muss, damit ein See als See gilt.
Kollateralschaden
Nicht alles funktionierte nach Plan, denn unser Wechselrichter hat schon sehr früh den Geist aufgegeben. Dank „ective seelig“ mussten wir relativ früh schon auf unseren Gaskocher ausweichen, was eigentlich sehr gut ging, trotzdem ist ein Induktionsherd halt schon viel praktischer und wie so oft, lernt man alles erst zu schätzen, wenn man es nicht mehr hat. Das Bett, welches uns mehr Sorgen bereitete, funktionierte aber tadellos.
Während der drei Wochen haben wir praktisch keine Campingplätze gesehen – hier ist es definitiv komplizierter einen Campingplatz zu finden, als irgendwo in der Wildnis zu übernachten – Jedermannsrecht lässt grüssen. Natürlich interessieren die uns auch nicht wirklich (abgesehen fürs Wäschewaschen). Finnland, ist das wohl einfachste europäische Land, um „wild camp“-Luft zu schnuppern. Jede(r) der diesmal ausprobieren möchte, kann hier am einfachsten erste Erfahrungen sammeln. Finnland bietet unzählige wild camp Spots an Seeen oder in unberührten Wäldern sowie eine Unmenge an schönen Nationalparks. Die Parkplätze in den Nationalparks können üblicherweise problemlos als Übernachtungsplätze (wie bereits erwähnt, ist das der perfekte Ort, für alle diejenigen, die das Wildcampen versuchen möchten) verwendet werden. Viele Finnen machen dies selbst so.
Unerwartete Begegnungen
Alle weiteren Spots haben wir über die App „Park4Night“ gefunden. Am Abend von Dorian’s Geburtstag, haben wir uns jedoch wieder einmal selbst einen Platz gesucht. Gefunden haben wir einen kleinen, künstlichen See umgeben von Wald – wer hätte das gedacht. Als wir unser Büssli am Einrichten waren, kam auf einmal ein Auto, mit finnischem Kennzeichen, und parkte am See direkt neben uns. Wir schauten nicht schlecht aus unseren warmen Jacken, als eine sympathische Frau (Heidi) im Bikini mit Badetuch ausstieg. Durch ihre offene Art kamen wir schnell in ein Gespräch. Nachdem sie uns erklärt hatte, dass sie mehrmals pro Woche am Abend eine „Abkühlung“ im Sch€!$$-kalten Nass nimmt, war sie auch bereits im Wasser. Wir erzählten ihr von unserer Reise in die Mongolei, da sie sich sehr für unseren Bus interessierte. Nach einem angenehmen Gespräch verabschiedete sie sich von uns – da sie (wie in Finnland so üblich) jeden Abend in die Sauna geht und ihr Mann diese zu Hause bereits angefeuert habe.
Wir richteten das Bett von Finn ein und hörten wenig später abermals ein Auto. Es war erneut Heidi, welche mit ihrem Sohn an den Platz zurückkam.
Und Zack – ca. 30 Minuten später bezogen wir ihr Cottage im Garten. Sie hatte uns zu sich, Petri (ihrem Mann) und ihren beiden Kindern eingeladen und uns angeboten, ihre Sauna zu benutzen. Was für eine Geburtstagsüberraschung! Schlussendlich verbrachten wir noch eine zweite Nacht bei der Familie und denken gerne an diese schöne Bekanntschaft zurück. Petri bedeutet übrigens «Peter» auf Deutsch.
Herbstzauber in Helsinki
Obwohl die letzte Woche ziemlich kalt wurde, genossen wir unsere Rückreise nach Helsinki sehr. Der Herbst war nun definitiv in Finnland angekommen, die Bäume änderten ihre Farbe in wunderschöne Rottöne und verloren nach und nach ihre Blätter. Dank der warmen Kleidung und der erwähnten wärmenden Feuerstellen war es trotz der Kälte kein Problem, weiterhin die Tage in der Natur zu verbringen. In Helsinki verbrachten wir den letzten Tag in der Stadt – diese hat uns sehr beeindruckt.
In der Natur, abseits der Menschen, fühlen wir uns grundsätzlich wohler, trotzdem hatte sich der kurze Abstecher nach Helsinki sehr gelohnt. Viele wunderschön hergerichtete Spielplätze, super Strassenmusiker sowie die alten Gebäude und die schönen Parks haben uns sehr gefallen. Diese Stadt ist einen Städtetrip wert, für alle diejenigen, die eher nach einem „Geheimtipp“ suchen.
Ein perfekter Abschluss
Die Nacht verbrachten wir aber dann doch etwas ausserhalb an einem schönen See, wo Dorian unser Abendessen auf dem Feuer zubereitet hat. Ein perfekter Abschluss. Am nächsten Morgen gab es sogar noch „Rösti“ bevor wir zum Hafen aufbrachen.
Um 15.00 Uhr legte die Fähre der Finnlines in Helsinki ab und die 30-stündige Rückfahrt genossen wir bei gutem Essen und im „Bäuelibad“ (diesmal etwas begeisterter). Da wir am Abend um 21.00 Uhr in Travemünde ankamen, entschieden wir uns die Nacht hindurch direkt nach Hause zu fahren, um dem Verkehr in Deutschland auszuweichen.
Fazit:
Zusammenfassend lässt sich sagen:
Wer sich in der Natur wohlfühlt und damit klarkommt, dass man sich selbst unterhalten muss, für den ist Finnland definitiv eine Reise wert und hat viel zu bieten!
Da die Geschichte von Finnland eher jung ist, bietet es für Historiker wohl weniger als das vielleicht andere Länder täten. Die Architektur gab für uns wenig Interessantes her (mal abgesehen von den Teils pompösen Holzkirchen, die wohl schon hunderte von Jahren stehen).































































































