Die Schöne und das Biest

29. Mai - 14. Juni 2023

Nach dem Städtetrubel sehnten wir uns wieder nach ein bisschen Einsamkeit und Natur. Wir fuhren dem Schwarzen Meer entlang weiter. Top ausgebaute Autobahnen führten uns anschliessend Richtung Ankara an grasgrünen und bergigen Landschaften mit schönen Canyons vorbei. Im Soğuksu National Park genossen wir eine mehrstündige Wanderung durch die Natur, wobei uns fünf sehr zahme „Streuner“ den ganzen Weg von rund 15 km treu begleitet haben.

Obwohl die Hauptstadt, Ankara, an der Einwohnerzahl gemessen der viel kleinere Bruder von Istanbul ist, sah die Stadt von aussen riesig aus. Die Lust auf eine Stadtbesichtigung hielt sich aber bei uns beiden in Grenzen, weshalb wir lieber weiter in Richtung einer unser beider Wunschdestinationen unserer Reise fuhren (Kappadokien). Einige Kilometer weiter südlich von Ankara fuhren wir dann mehr zufällig am Tuz Gölü vorbei. Der Tuz Gölü ist der zweitgrösste See in der Türkei und einer der salzhaltigsten Seen der Welt. Besonders eindrücklich für uns war die Farbe des grossen Sees: Das ganze Wasser schimmerte Pink! Dieser See war ursprünglich für seine Flamingo-Population bekannt. Doch diese gibt es seit 2021 nicht mehr, da aufgrund Dürre die Wasserzufuhr für die Landwirtschaft verwendet wurde und der See dabei praktisch ausgetrocknet ist.

Und dann waren wir endlich da – Kappadokien. Das Gebiet zeichnet sich durch einzigartige Felsformationen sowie eine unglaubliche Naturkulisse aus. Die Meisten kennen den Ort wahrscheinlich von Fotos. In Kappadokien starten bei Sonnenaufgang (sofern das Wetter passt) nämlich 150 Luftballons. Vom ersten Moment an waren wir geflasht von der unglaublich schönen Landschaft. Wir suchten uns einen tollen Aussichtspunkt über das ganze Tal und wurden an einem 4×4-Platz fündig. Die „Gefahr“, sich jemand anderes neben uns auf den Platz stellt war ziemlich klein, da die Anfahrt sehr steil war. Am nächsten Morgen stellten wir um 04.00 Uhr unseren Wecker, kochten unseren Kaffee und setzten uns auf unsere Terrasse. Wir konnten es kaum erwarten, bis die Luftballons steigen würden … nach vier Stunden ohne Erfolg mussten wir einsehen, dass das Wetter wohl zu schlecht für einen Start ist. So entschieden wir uns, den Tag zu nutzen und bevor es zu heiss ist eine Rundwanderung durch das red in das rosa Valley zu machen. Anstrengend und sauheiss wurde es trotzdem, obwohl die Wolken uns am Morgen etwas anderes in Aussicht stellten. Wir mussten lernen, dass hier das Wetter hier unberechenbar ist und ständig wechselt. So standen wir auch am nächsten Tag um vier Uhr früh auf, ohne einen einzigen Ballon zu sehen. Die Enttäuschung war entsprechend gross. Als Aufmunterung haben wir jedoch Lara und Marcel aus Deutschland kennengelernt, welche bereits seit letztem Oktober mit ihrem selbst ausgebauten Citroën für acht Monate unterwegs sind. Mit ihnen haben wir den Tag verbracht und unsere Busausbauerfahrungen ausgetauscht.

Der vierte Tag startete für uns ebenfalls um vier Uhr in der Früh (welch ein Stress ;)). Von weitem hörte man bereits ein lautes Lüftergeräusch und viele kleine Lichter tummelten sich auf den Ballon-Startplätzen. Den Kaffee mahlten wir nun doppelt so schnell wie üblich und setzten uns ganz nervös auf unserer kleinen Dachterrasse. Eine halbe Stunde später starteten auch bereits die ersten Ballone. Die Startplätze waren um uns herum verteilt, sodass wir in einem 360Grad Blick überall Ballone um uns herum hatten. Von unserem Terrässli aus, beachteten wir ausserdem das ganze Touristenspektakel drumherum (nur noch das Popcorn hat gefehlt): angefangen bei der Massenabfertigung an organisierten Heiratsanträgen, weiter zu „Insta-Stars“, welche sich inmitten der Ballons schon fast lasziv um unseren Van herum vor dem Fotografen räkelten, bis hin zu den Touristen, welche eine Offroad-Tour mit einem Defender gebucht haben und erst fast am Ende des Spektakels am Platz ankamen – laut wurde die Partymusik aufgedreht und der obligate Champagner (welcher nur Zuckerwasser war und nichts mit üblichem Champagner zu tun hat) „geköpft“. Ein fader Nachgeschmack hinterliessen die Hunderten von Plastikkorken, welche nach dem „Champagner-Rituals“ am Boden liegen gelassen wurden.

Abgesehen von dem „drumherum“, war das Ganze unglaublich schön und wir waren froh, dass wir auf unserer Terrasse das Ganze für uns geniessen konnten.

Der frühe Vogel fängt ja bekanntlich den Wurm. Wäsche waschen war wieder einmal angesagt – dies liessen wir jedoch durch einen Waschsalon im Nachbardorf erledigen und besuchten während dessen Derinkuyu. Der Ort ist bekannt für die grosse unterirdische Stadt. Trotz Tourismus sind die Menschen im Ort sehr arm. Wir hatten einen kleinen Kulturschock. Direkt nach unserer Ankunft wurde auf dem Parkplatz ein Huhn geköpft und zwei Strassen weiter hingen drei Kuhköpfe vor den Metzgereien – für uns verwöhnten Schweizer war dies schon sehr speziell.

Die unterirdische Stadt war sehr eindrücklich – dennoch fühlten wir uns beide nicht sehr wohl. Auch mit unserer Körpergrösse machte sich Klaustrophobie breit und wir begingen die Gänge eher im Stechschritt.

Weil wir von Kappadokien mit den Ballonen und der Natur so extrem begeistert waren entschieden wir uns noch einmal eine Nacht zu bleiben, wobei leider der nächste Tag wieder erfolglos vonstattenging. Den Tag verbrachten wir gemütlich und erledigte längst überfällige administrative Tätigkeiten. Einen weiteren Tag in der Gegend zu verweilen, lohnte sich. Als am nächsten Tag um vier Uhr früh der Wecker klingelte, ging das Schauspiel auch schon los: Autos mit grossen Anhänger parkten, die Touristen wurden an die Startplätze chauffiert, die Ballons wurden vorbereiten und die Lüfter, zum Befüllen der Ballone, wurden gestartet. Schnell bereiteten wir unseren Kaffee vor und gesellten uns auf unsere Dachterrasse. Das Wetter schien perfekt: keine Wolken und nur wenig Wind. Für uns lohnte es sich, bis zu einem zweiten Start zu warten und wir sind der Meinung, dass die Bilder für sich sprechen. Das unberechenbare Wetter in Kappadokien zog das ganze Tal auf einmal in einen dichten Nebel. Der Mix zwischen Sonnenstrahlen und Nebel war bombastisch. Gleichzeitig zur Landung der letzten Ballons, standen auch unsere «Nachbarn», zwei angefressene Offroader, auf und sahen lediglich noch die Landung der letzten Ballone. Wenn die wüssten, was sie verschlafen haben…

Dankbar für dieses Erlebnis fuhren wir bereits früh morgens weiter nach Gaziantep, wo wir uns mit Lara und Marcel verabredet hatten. Die mehrstündige Fahrt führte zuerst durch grüne Gebirgszüge, weiter in den völlig ausgetrockneten Süden. Diese war bei 42Grad Aussentemperatur (ohne Klimaanlage) ziemlich anstrengend. Beim Reisen mit dem Bus wird man immer wieder mit Gegensätzen konfrontiert. War es an diesem Tag nicht nur die Natur, sondern auch unsere Gefühle. Am Morgen waren wir noch überwältigt von den schönen Heissluftballons und nach einigen Stunden unserer Weiterfahrt, kam der Schock: Kurz vor dem Ziel fuhren wir durch das Epizentrum des Erdbebens im Februar. Was wir dort vorfanden, hatten wir bisher beide noch nie gesehen. Die Menschen lebten in Zelten neben ihren zusammengebrochenen Häusern, wo wir uns ziemlich sicher waren, dass dort an vielen Orten noch Verschüttete lagen. In Quartier stand kein einziges Haus mehr. Wir haben uns bewusst dagegen entschieden Fotos zu machen. 

In Gaziantep selbst sah man wiederum nur vereinzelte Häuser, welche vom Erdbeben gezeichnet waren. Wir verbrachten den Abend mit Lara und Marcel bei einem Abendessen in einem Restaurant in der Stadt. Übernachtet haben wir auf einem überwachten Parkplatz, wo wir am späteren Abend vom Parkwächter zu einem Cay (Tee) eingeladen wurden. 

Da uns in Istanbul ein Kellner die Maladi Bridge empfohlen hatte, wollten wir diese besuchen. Unterwegs kauften wir in einer Bäckerei für umgerechnet CHF 0.40 zwei Brote und für CHF 2.00 diverse Gemüse, Früchte und Eier. Der Verkehr auf den Strassen wurde immer abenteuerlicher – vorausschauend fahren und für alle anderen Verkehrsteilnehmer mitdenken, lernten wir hier. Ausgezogene Linien bedeuten hier wohl eher „überholen Sie immer“ und doppelt ausgezogene Linien „überholen Sie mit etwas Vorsicht“. So ist es nicht unüblich, dass einem in einer unübersichtlichen Kurve ein Sattelschlepper einen anderen überholt und der dann auf der eigenen Strassenseite ohne Ausweichmöglichkeit mit Vollgas entgegenkommt. Aus unserem Weg hatten wir bisher vier nahezu Frontalkollisionen, welchen wir gerade noch so ausweichen konnten. 

Da Marcel und Lara ebenfalls nach Georgien reisen, haben wir uns entschieden einige Tage gemeinsam weiterzufahren. Wir verbrachten zwei Nächte am Nemrut Gölü, einem grossen Vulkankratersee. Fevzi, ein 45-jähriger Mann, lebt am See in einem sehr rudimentären Steinhäuschen und bietet Tee für die Besucher an. Wir durften mit unseren Vans zwei Nächte neben seinem Haus stehen. Jeweils am Abend füttert er die wilden Bären, welche in diesem Gebiet leben. Deshalb konnten wir auch zwei von ganz Nahe beobachten. Von dort aus ging es am Ararat, dem höchsten Berg der Türkei (über 5000 m), der iranischen Grenze entlang – weiter in Richtung Georgien. Dorian liess es sich nicht nehmen, hier in einem Städtchen sich für umgerechnet CHF 4.00 den Bart und die Haare bei einem Barber schneiden zu lassen (mit Haare waschen versteht sich). 

Fazit der siebten Etappe:

Die türkischen Strassen sind extrem gut ausgebaut und die Infrastruktur wird im ganzen Land ständig sichtbar erweitert. Riesige Spiel- und Picknickplätze gibt es hier wie Sand am Meer. Je weiter südöstlich wir fuhren, umso offener wurden die Menschen. Im Vergleich zum auch sehr touristischen Griechenland, konnte hier jedoch fast kein Mensch englisch. Das erste Mal auf unserer Reise hatten wir nun das Gefühl, dass wir mit unseren Sprachkenntnissen keinen Schritt weiterkommen würden. Nichtsdestotrotz – und nicht zuletzt dank google Translator — konnten wir uns mit Händen und Füssen trotzdem verständigen und wurden unzählige Male zum Cay trinken eingeladen. 

Die Natur der Türkei hatte für uns sehr viel zu bieten: Von saftig, grünen Hügeln bis zu vertrockneten Steppen, von langen Graden durchs Nichts zu mehrstündigen Fahrten auf Hochplateaus in über 2000 m Höhe, gibt es hier alles. Die Hitze machte auch unserem Büssli zu schaffen: Das Hartholz hatte, mit nur 15 % Luftfeuchtigkeit bei 42 Grad Aussentemperatur, den Kräften zum Teil nicht mehr Stand gehalten. Und ein kleines Malheur (leckende Wasserpumpe), konnten wir jedoch selbst reparieren. Weil gemäss Bedienungsanleitung (Ramonas Worte: „in Grossbuchstaben und FETT geschrieben“) die Pumpe hätte aufrecht montiert werden sollen, haben wir sie gerade auch noch umgesetzt.

Uns wurde erst in der Türkei so richtig bewusst, dass man auf Reisen ständig mit starken Kontrasten konfrontiert wird. Wir versuchen diese etwas bewusster wahrzunehmen (Kappadokien/Erdbebengebiet, Natur/Abfallprobleme, wilde Tiere/Streuner, Infrastruktur/Armut). 


Zuerst waren wir erschrocken, ab den ständig steigenden Benzinpreisen, stellten später aber fest, dass die türkische Lira nur enorm schnell seinen Wert verliert. Während unserem Aufenthalt fiel der Kurs von 1 Lira /0.45 CHF auf 1 Lira / 0.38 CHF und das in 25 Tagen (Inflation lässt grüssen).