Irgendwo im Nirgendwo

28. Juni - 8. Juli 2023

Die erste Begegnung mit Kasachen war, nach einer Brücke, an einem Grenzposten. In perfektem Englisch begrüsste uns der freundliche Zollbeamte und meinte nur so: „ah aus der Schweiz, das ist auch weit her“. Der Zoll der Kasachen war eher heruntergekommen, die Leute jedoch sehr nett. Es wurde in jedes Auto geschaut und ein freundlicher junger Mann stellte sich zuerst vor und schaute sich unser Auto anschliessend von innen an. Alles war gut und wir durften einreisen. Gleich nach der Grenze stehen kleine, unauffällige Container. Auf einem der ersten stand von weitem lesbar: „Insurance“ (Versicherung). Da unsere Fahrzeugversicherung auch für Kasachstan nicht gilt, hielten wir gleich an und wollten eine abschliessen. Der Container sah alles andere als solide gebaut aus und beim Betreten, dachten wir zuerst. „Oh eine Toilette“, bis uns der Versicherungsverkäufer von der Seite her begrüsste. Hinter der Theke war ein Computer und ein Doppelbett, wo wir eine zweite Person laut schnarchen hörten. Wir waren der Ansicht, dass die beiden Männer sich wohl in Schichten abwechseln, um die 24h-Dienstleistung sicherstellen zu können. In dieser Zeit leben sie deshalb wohl im Container. Die Versicherung war schnell erfasst und die Police ausgedruckt. Leider wollte der Mann hinter dem Tresen Tenge (Landeswährung) und keine Rubel. Der „Versicherungsheini“ meinte aber: „Woman outside …“. Na gut – ausserhalb des Containers sollte also irgendwo eine Frau herumschwirren, welche uns Geld wechseln kann. Bei einer Bäckerin nebenan, wurden wir dann an die richtige Frau verwiesen, welche das Ganze auch ohne Trara auf der Strasse aus ihrer umgehängten Bauchtasche und mit Wechselkurs 1 Rubel zu 5 Tenge unkompliziert abwickelte. Ob das passt oder ob wir hier abgezockt werden, wussten wir zu diesem Zeitpunkt nicht, da wir ja keine Internetverbindung hatten. Danach konnten wir die Versicherung bezahlen und fragten die Bäckerin, ob es hier irgendwo eine SIM-Karte gäbe.

Natürlich konnten wir diese direkt bei ihr im Bäckerhäuschen kaufen. Mit teigüberklebten Händen nahm sie Ramonas Pass und Telefon entgegen und richtete eine kasachische SIM-Karte ein. Preis und Leistung war uns erst danach bekannt gegeben worden. Weiter ging’s über die mühsamste und langwierigste Strecke, die wir wohl während dieser Reise bisher befuhren. Staubig, unheimlich heiss und weitläufig fuhren wir über 100 km (mit 20 km/h) über eine Schotterpiste – mitten durch die Steppen Kasachstans. Dorian verlor während der Fahrt teilweise die Geduld und wurde über die schlechten Strassenverhältnisse wütend. Wir ahnten, dass die Reise durch Kasachstan (einem Land welches rund 65 Mal so gross wie die Schweiz ist), so wohl sehr lange dauern würde. Unterwegs konnten wir die ersten wilde Kamele und Pferde beobachten.  Ausserdem fuhren wir immer wieder an schönen Oasen mitten im Nirgendwo vorbei. Wir übernachteten an einer davon und durften bei einem malerischen Sonnenuntergang, mit unverhofft vielen Tieren an der danebenliegenden Wasserquelle, zu Bett gehen.

Weiter ging’s am nächsten Tag: Schotter, Staub und nochmal Schotter, Richtung Atyrau. Wir hatten kein Wasser mehr und machten uns langsam Sorgen, da wir hier wohl nirgends so einfach an Wasser herankommen würden. In Atyrau fanden wir ein Sanitärunternehmen, welches uns den Wassertank aufgefüllt hat. Kurz: wir waren das Spektakel und waren für sie wohl eine gelungene Abwechslung im Arbeitsalltag. Die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit, die wir erfuhren, war grandios: Bezahlen durften wir nichts und bekamen noch eine Gardena Duschbrause und einen 19L Trinkwasserkanister mit auf den Weg. Leicht nervös, aufgrund des immer leerer werden Benzintanks, fuhren wir dann auch gleich zur nächsten Tankstelle. Wie bereits in Russland muss auch hier zuerst bezahlt werden, bevor getankt werden kann (es muss also jedes Mal geschätzt werden, wie viele Liter Benzin im Tank Platz haben). Da die Strassen nun etwas vielversprechender wurden, erhöhten wir auch gleich noch den Luftdruck in unseren Pneus. Dabei hielt ein junger Fahrradfahrer neben uns und fragte, ob wir ihm die halb platten Reifen noch füllen könnten. Danach lud er uns auch gleich zum Essen in einem Restaurant neben an ein, wo wir das erste traditionelle Essen «Beshbarmak» (was übersetzt fünf Finger heisst) – dass als einziges nur mit den Fingern gegessen wird – genossen (bezahlen durften wir auch hier nicht).

Mit vollen Mägen fuhren wir dann stundenlang – bis die Sonne langsam den Horizont berührte – Richtung nordöstliche Grenze von Kasachstan. Wir bogen von der Hauptstrasse in Richtung eines kleinen Sees ein, wo wir planten zu übernachten. Doch bei einem kleinen Stück des Weges, waren wir uns beide nicht sicher, ob wir ihn befahren können. Beide dachten nur so „hmm soll ich etwas sagen?», taten dies jedoch nicht und so steckten wir auch ein paar Sekunden später bis zum Unterboden des Autos im Schlamm.

Graben half nichts, die «Trackgrabber» waren nur so semi-hilfreich und die Sandbleche brachten uns auch nicht mehr weiter. Schnell liefen wir zur Strasse. Denn ohne Hilfe konnten wir uns nicht mehr alleine befreien. Ein Lastwagenfahrer mit einem leeren 40 Tonnen Sattelschlepper fuhr zwar vorbei, machte dann aber eine Vollbremsung und wir zeigten ihm via Google Translate, dass wir in Schwierigkeiten steckten. Er verstand schnell, drehte kurzerhand um und wir stiegen in seien Truck um gemeinsam zu unserem Büssli zu fahren. Während der Fahrt meinte er nur „Kamaz – good machine“ und lachte (Kamaz ist die Lastwagenmarke). Ramona koordinierte anschliessend das Herausziehen mit dem elastischen Abschleppseil. Zuerst machte unser Auto keinen Wank und der Sattelschlepper drehte auf dem erdigen Untergrund nur durch – hier warf Ramona, Dorian dann besorgte Blicke zu. Dorian meinte nur „er soll etwas Anlauf holen“. So klappte es dann auch und der Lastwagenfahrer wollte Gregy wohl fast bis in die Schweiz zurückziehen. Gott sei Dank liess er sich noch bremsen. Wir bedankten uns mit einem Schweizer Taschenmesser, worüber sich der hilfsbereite Mann sehr freute. Unser Auto sah aus, als ob damit ein Acker gepflügt wurde und etwa so sahen auch wir aus. Viel von dem frisch getankten Wasser ging für die Wiederherstellung unseres Aussehens drauf, was aber nicht so schlimm war. Denn die Hitze war den ganzen Tag hindurch unerträglich und wir rochen auch dementsprechend schon ziemlich streng. Das Auto war am nächsten Tag unfahrbar, da so viel Dreck zwischen der Felge war, dass Ramona das Steuer schon fast aus der Hand flog. So mussten wir das Auto an der nächsten Ausfahrt aufbocken und die Räder wegnehmen, uns vom getrockneten Schlamm befreien, damit wir wenigstens bis zur nächsten Waschanlage fahren konnten. Ein freundlicher, georgischer Lastwagenfahrer in seiner Pause, bestand darauf, uns dabei zu helfen.

Wir fuhren weiter durch die Steppe Kasachstan’s, diese lässt sich etwa so beschreiben: Unheimliche Weiten, vereinzelte Lehmhütten irgendwo im Nirgendwo, immer wieder kleine Oasen, wenig Verkehr, immer wieder Kamele / Dromedare / Pferde / Kühe, unheimlich heiss (wir haben ja keine Klimaanlage), staubig und windig. Nach Kilometer langer fahrt, wurden die Strassen plötzlich breiter, die Gebäude wurden modern und der Verkehr dichter. Wir fuhren in die Hauptstadt „Astana“, die kurze Zeit „Nur Sultan“ genannt wurde und jetzt wieder Astana heisst, ein. Mit heruntergefallenem Kinnladen fuhren wir durch die, durch und durch moderne und futuristische, Grossstadt. Die Stadt steht im „nichts“ und ist für uns deshalb so imposant. Alle Gebäude sehen neu aus, riesige Hochhäuser und modern anmutend passt irgendwie so gar nicht zu dem, was wir die letzten über tausend Kilometer kennengelernt haben.

In der Vanlife-Community spricht man im Allgemeinen nicht von Ferien, sondern von Reisen. Denn es gibt immer etwas, worum man sich kümmern muss. Sei es die Wassersuche, Wäsche waschen, Einkaufen, Tanken, Schlafplatz suchen, SIM-Karten besorgen, Versicherungen nachrennen. In unserem Fall stand ein Service für das Auto an. Wir haben seit Anfang der Reise ca. 15 000 km gemacht und mussten deshalb alle Öle wechseln. Da wir dies, wenn möglich, nicht einfach irgendwo in einem Hinterhof machen lassen wollten, suchten wir nach einer offiziellen Toyotavertretung und wurden in Astana fündig. In der Garage angekommen ging es zuerst darum, jemanden im Betrieb zu finden, der Englisch spricht. Nach ein paar Minuten kam eine freundliche junge Frau zu uns. Wir erklärten ihr, dass wir gerne einen Service machen möchten, worauf sie uns fragte, was denn am Fahrzeug defekt sei … Das kann ja heiter werden. Wir erklärten ihr, dass wir viele Kilometer gefahren sind und deshalb den regulären Service (Öle wechseln, Bremsen reinigen und allgemeiner Check) machen lassen möchten. Sie nahm den Auftrag entgegen und wir konnten uns in die Cafeteria setzen und einen Kaffee geniessen, während der Automechaniker hinter der Scheibe sich an die Arbeit machte. Plötzlich standen drei Mitarbeiter von Toyota City Astana neben uns und übergaben uns vier schwarze Schachteln. Sie erklärten uns, dass dies Geschenke für uns seien – was uns sehr freute. Wir haben einen Kaffeebecher, einen Teebecher und zwei Toyota Land Cruiser Pins erhalten. Den Pins war ein Schreiben auf Russisch beigelegt. Mit unserem Übersetzer verstanden wir ein wenig später, dass dies eigentlich die Geschenke für diejenigen Kunden sind, welche sich einen neuen Land Cruiser bei Toyota kaufen. Gefreut hat’s uns sehr.

Währenddessen suchten wir noch jemanden, der unseren Wassertank nachschmeissen konnte. Denn dieser riss uns eine Nacht zuvor und flutete unseren ganzen Bus (wir sind ja am Reisen und nicht in den Ferien). Ein Kasache, welcher uns in Astana beobachtete und ein Foto von unserem Auto machte, sendete uns dieses auf Instagram zu und gab uns zu verstehen, dass er ein grosser Fan sei. Nach ein bisschen „Smalltalk“ per Instagram-Nachrichten half er uns auch gleich einen professionellen Schweisser aufzutreiben, welcher uns weiterhelfen könnte. Am Folgetag haben wir dank der Hilfe unseren Tank wieder befüllen und alles wieder einbauen können. Wir nutzten die Gelegenheit unser ganzes Wassersystem zu reinigen (Wassertank herausputzen, Filtersystem reinigen und Filter ersetzen).

Direkt nach dem Service des Büssli’s am Vortag, bemerkten wir beide, dass es sich komisch verhält / anhört, wenn man in Kurven fährt. Nachdem wir eigene Fehler ausgeschlossen hatten und die Geräusche stetig zugenommen haben, gingen wir nochmal in die Toyotagarage, welche uns den Service gemacht hat. Die Kurzversion: Sie haben das falsche Öl ins Differenzial gekippt. Ob das ein Folgeschaden angerichtet hat, konnten wir nicht eruieren. Wir haben uns aber den gesamten Ablauf und ihre Begründung schriftlich bestätigen lassen … direkt nach dem erneuten Ölwechsel machte ein Mitarbeiter von Toyota Astana eine Probefahrt zusammen mit Dorian. Das Geräusch war direkt weg und jetzt fährt sich das Auto wieder normal. Sichtlich erleichtert konnten wir die Garage wieder verlassen. Nach dem eher stressigen und nervenaufreibenden Tag haben wir uns entschieden wieder einmal eine laaaange und warme Dusche zu nehmen. Da ein starkes Gewitter aufzog, fragten wir in einem Fitnesscenter in einer Shoppingmall, ob wir lediglich die Duschen benutzen dürften. Die junge, etwas verwirrte Dame erklärte uns über den ihren Übersetzer, dass sie noch nie eine solche Anfrage hatte, uns aber zu einem vergünstigten Preis Zugang zu den Duschen gewähren würde. Als wir fertig waren, schenkte sie uns beiden noch einen Orangen-Saft und meinte nur «gift from me to you» (Geschenk von mir für euch).

Am nächsten Tag mussten wir noch unsere Kleider in einer Selbstbedienungswäscherei waschen und einkaufen. Danach fuhren wir weiter Richtung Nordosten des Landes in Richtung der Grenze Kasachstan / Russland. Vor der kasachischen Grenze war dann erstmals Geduld gefragt. Über fünf Stunden standen wir in einer nicht allzu langen Schlange an Autos, welche die Grenze überqueren wollten. Wir kamen mit einem Russen vor uns ins „Translate“-Gespräch. Er half uns auch betreffend dem Vorgehen an der Grenze, sodass wir bestimmte Zettel schon vorgängig beim Grenzhäuschen abholen und anschliessend die erste Schranke passieren konnten.

Bei der Passkontrolle wurde es dann für alle hinter uns etwas zwischen mühsam und lustig. Wir waren von rund 50 Personen (Kasachen, Russen und Mongolen) umgeben, aber kein Mensch konnte Englisch. Der freundliche Zollbeamte stellte irgendwelche Fragen auf Russisch in die Runde … zum Teil ging es wohl um unser Auto (jemand schrie „Toyota Hiace“ nach vorne) und manchmal wusste auch niemand die Antwort. In der Folge stand der junge Mann auf, ging hinaus zum Auto und kam wieder zurück. Wahrscheinlich ging es um die Farbe von unserem Fahrzeug. Plötzlich fing er an zu kichern … unsere Namen, resp. vor allem die drei Vornamen von Dorian waren für ihn unverständlich und ansprechen konnte er sie auch nicht. Aber er liess uns passieren und begleitete uns sogar wieder zurück zum Auto, da wir auf der anderen Seite des Häuschens durchlaufen mussten. Nach einem kurzen Fahrzeugcheck von ebenfalls einem sehr freundlichen Zollbeamten konnten wir Kasachstan definitiv verlassen und weiter zur russischen Grenzkontrolle fahren. Da wir so lange vor dem kasachischen Zoll warten mussten, war es bereits dunkel geworden. Vor und hinter uns waren kleine mongolische Busse. Die Reisenden klopften an unser Fenster und zeigten uns mit Händen und Füssen, dass wir hier aussteigen müssen und zur Passkontrolle mit ihnen ins Haus kommen sollen. Im Häuschen angekommen hörten wir, wie sie untereinander darüber sprachen, dass wir Schweizer seien („schwizarie, schwizarie“, und zeigten mit einem freundlichen Lächeln auf uns). Einfach so konnten wir die Grenze nicht passieren, sondern mussten noch bei einem wohl höheren Grenzbeamten einen Besuch im Büro abstatten. Nachdem wir auf einer unbequemen Holzbank Platz genommen hatten, stellte uns dieser viele Fragen über uns und unsere Reise. Wenn er nicht mehr weiter wusste, fragte er auch hier wieder seine Translate App … er liess uns aber dann, über eine Stunde und eine Fahrzeugkontrolle später, dennoch in Russland einreisen. Dank iOverlander (App um Schlafplätze und Dienstleistungen zu finden) hatten wir ein paar Kilometer nach der Grenze dann auch schnell einen ruhigen Schlafplatz gefunden.

In den folgenden zwei Tagen fuhren wir rund 1100 km durch Sibirien. Die malerische Landschaft, welche sich durch riesige Bergketten und unendliche Weiten abwechselt, hat es uns angetan. Wir konnten uns kaum satt sehen. Kurz vor der russisch-mongolischen Grenze haben wir in einem kleinen Supermarkt noch einige frische Lebensmittel gekauft und dann war es so weit. An der russischen Grenze wurden uns wieder einige Fragen über unsere Gründe für den Grenzübertritt etc. gestellt und das Fahrzeug wurde von vier Zollbeamten durchsucht. Schlussendlich haben wir jedoch den Ausreisestempel erhalten und es folgte eine 25 km lange holprige Fahrt durchs Niemandsland…unserem grossen Ziel dieser Reise – der Mongolei – entgegen.

Fazit der neunten Etappe:

Die Überfahrt von Russland zu Kasachstan war für uns speziell, da wir hier erstmals mit überwiegend asiatisch aussehenden Personen in Kontakt kamen. Hier scheint also eine „sichtbare“ Grenze zu sein. Bei den Strassenverhältnissen haben wir alles angetroffen, gerade in diesem Land sind schlechte Strassenverhältnisse verantwortlich für ein beklemmendes Gefühl, dass man nicht vorwärtskommt. Denn wer schon seit über 100 km und mehreren Stunden mit durchschnittlich 20 km/h fährt, fragt sich ständig, wie lange er für seine restlichen 1400 km noch haben wird. Glaubt uns, beim Hochrechnen, fragten wir uns oft, ob wir euch Lesern schöne Weihnachten und Ostern wünschen sollten.

Für Kasachen sind mehrere hunderte Kilometer Fahrt normal, für uns Europäer ist das als kaum nachvollziehbar. Jeder Kasache war hilfsbereit. Wenn man also ein Problem hat, findet man Hilfe. Wir wurden unzählige Male eingeladen oder beschenkt. Die Stadt Astana / Nur Sultan hatte für uns ein Touch Dubai / Taichung, alles modern und riesig und sie wächst enorm schnell. Der Fahrstil der Kasachen ist in der Regel schon fast schweizerisch.