Über Stock und Stein

14. Juni - 28. Juni 2023

An einer kilometerlangen LKW-Warteschlange vorbei erreichten wir, zusammen mit Lara und Marcel, die türkische Grenze. Diese sah aus, als ob sie sich im Bau befinden würde, wobei jedoch dieser wohl schon seit Jahren stagniert ist. Lara und Marcel konnten vor uns die Pässe prüfen lassen – jedoch streikte das System, weshalb sich das Ganze in die Länge zog. Der Zollbeamte liess sich aber nicht stressen – er startet den Computer neu, verliess seinen Platz und zündete draussen erst einmal eine Zigarette neben uns an. Nachdem er diese genüsslich geraucht hatte und mit uns in gebrochenem Englisch ein bisschen Small-Talk geführt hatte, kam ein Kollege von ihm und fütterte die Streuner-Babys auf dem Platz mit Milch.

Der ganze Ablauf zog sich hin, doch der freundliche Zollbeamte liess uns nach dem obligatorischen Gesichtsscan in das nächste Büro weitergehen. Dort warteten bereits zwei Frauen, welche mitten im Bauschutt ihr „Büro“ eingerichtet hatten. Sie erklärten uns mit Händen und Füssen, dass wir noch 5 Lira (ca. CHF 0.18) begleichen müssten – wieso, haben wir nicht verstanden. Egal… Jedoch mussten wir über den gesamten Platz auf die andere Seite des Zolls laufen, um dort unsere „Schulden“ in Bar zu begleichen. Auf die Frage, ob nicht Kartenzahlung möglich wäre, hat der einkassierende Grenzbeamte nur gelacht. Glücklicherweise hatten wir noch EUR 5, welche wir zu einem sehr schlechten Wechselkurs umtauschen konnten.

Weiter ging’s an den georgischen Zoll. Ein Blick auf unser Nummernschild und der junge Zollbeamte gab uns ohne Worte zu verstehen, dass wir nun einen mühsameren Ablauf durchmachen dürfen. Gerade als wir die Türe unseres Vans geöffnet hatten, kam ein herbeigerufener, älterer, „englisch sprechender“ Zollbeamte dazu. Als er sah, dass wir aus der Schweiz kommen, hatte er direkt den anderen Zollbeamten hochgenommen – vorbei war es für uns mit der ausgedehnten Kontrolle. Zum Glück war der zweite Zöllner ein Fan der Schweiz, denn er erzählte uns, wie gerne er einmal in die Schweiz reisen möchte und dass unser Schweizerpass doch einer der besten Pässe sei, die man haben könne. Der Jüngere hat in der Folge alle Formalitäten aufgenommen und uns mit „Welcome to Georgia“ über den Zoll gelassen.

Bereits nach den ersten Metern, haben wir eines der berühmten Schlaglöcher in Georgien kennengelernt, resp. getroffen – ja, die Strassen sind hier katastrophal – wir waren uns im ersten Moment nicht sicher, ob unser Pneu und die Felge, das Loch überlebt haben. In den folgenden Kilometern mussten wir ständig auf der Hut vor unvorhersehbaren Schlaglöchern sein. Immerhin entschuldigt sich die Regierung mit „we apologize for for the inconvenience – Roads Department of Georgia!» -Schildern, für die schlechten Strassenverhältnisse.

Aber wer denkt, dass dies das Schlimmste auf den georgischen Strassen sei, kennt die Fahrpraxis der Georgen noch nicht.

Zur Entspannung des anstrengenden Tages haben wir uns mit unseren beiden Reisebegleitern eine Weinprobe mit Abendessen gegönnt. Die georgische Art der Weinproduktion ist die älteste auf der Welt. Nachdem die Gärung in der Maische abgeschlossen ist, wird er in die Tontöpfe (Quevri) abgefüllt. Der Wein wird anders als bei uns in den Quevri im Boden gelagert, mit einer Scheiferplatte verschlossen und mit Sand abgedeckt. Der Wein selber nahmen wir subtil als «kellerig/müffelig» wahr und wir sind froh, gibt es andere Keltermethoden. Als Spezialitäten gab es nebst Gulasch, Tomaten-Gurkensalat, fetanmutendem Käse, Brot, Kebap, Khachapuri (Käsebrot), Nigvziani Badrijani (Aubergine mit Wallnussmouse) und Khinkali (eine Art Momos, mit Fleisch). Als Absacker gab es noch den Weinbrand (hier «chacha» genannt). Ob es ein Unterschied von Chacha zu Grappa gibt, konnten wir auch nach mehreren Schlücken nicht eruieren.

Glücklicherweise konnten wir unsere Vans direkt beim Weingut parken und haben einen lustigen Abend mit (ein paar zu vielen um noch zu fahren) lokalen Weinen, Chacha und lokale Speisen verbracht.

Nächster Stopp: Tiflis – die Hauptstadt von Georgien. Gerne hätten wir nach der Anfahrt unseres Stellplatzes mitten in der Stadt noch etwas Chacha dabei gehabt. Denn völlig fertig und schweissgebadet stiegen wir Vier aus und waren froh, dass wir keine Sachschäden hatten. Zu Fuss schlenderten wir durch die Stadt, mit seinen eher heruntergekommenen Gebäuden. Im Innern fanden wir jedoch oftmals schön hergerichtete Läden oder Restaurants vor. In jeder Ecke der Stadt gibt es schöne künstlerische Darstellungen. Nach dem Besuch eines authentischen lokalen Wochenmarktes fühlten wir uns in der Zeit zurückversetzt. Schweins- und Kuhköpfe langen neben Hühnerbeinen aufgestapelt und ungekühlt auf einem Haufen, Fleisch an Knochen, welches gerade mit einer Holzaxt auf einem Holzstrunk „fachmännisch“ zerstückelt wurde – liess uns die Lust auf „frisches“ Fleisch vergehen. Hierzu muss man sagen, dass wir in den letzten Monaten eher öfter auf Fleisch verzichtet haben, als dies zu Hause der Fall wäre. Auch der Käse, welcher den ganzen Tag ungekühlt in der Sonne lag und sich teils schon von weiss auf schwarz verfärbte, machte das Ganze auch nicht besser. Alleine dieser Anblick und die Geschmäcker lösten bei uns schon fast ein wenig Durchfall aus.

Im Gegenteil dazu besuchten wir einige Stunden später den Carfour in der Innenstadt und konnten unser Glück kaum fassen. In den letzten Wochen waren wir froh, wenn wir in einem Laden alles kaufen konnten, was wir suchten. Hier hatte es nun eine riesige Auswahl von allem! Wir nutzten die Gelegenheit, unsere Vorräte aufzufüllen.

Am Abend spielten wir ein letztes Mal mit Marcel und Lara „Tac“ – ein Gesellschaftsspiel, dass wir auf der gemeinsamen Reise mit ihnen einige Male gespielt haben. Denn am nächsten Tag trennten sich unsere Wege. Wir fuhren in Richtung Norden, da wir dort eine Offroad-Route an einem der höchsten Pässe im Kaukasus (Abano Pass) machen wollten.

Rund drei Stunden nach dem Einstieg in den Track wurden wir von einem russisch sprechenden Bauarbeiter angehalten. Er erklärte uns mit Händen und Füssen, dass wir bis ca. 19.00 Uhr warten müssen, da noch Arbeiten am Berg erledigt werden würden und ständig Steine auf die Strecke fallen. Einige Meter weiter vorne sahen wir zwei Bikerinnen, welche gerade ihr Zelt aufschlugen. Nach einem kurzen Gespräch stellte sich heraus, dass es sich um zwei Neuseeländerinnen (Rachel und Clair) handelt, welche den Pass mit ihren Bikes befahren wollten. Da sie mit diesen jedoch zu langsam für die Durchfahrt am Abend seien, müssen sie bis am nächsten Tag warten. Wir entschlossen uns kurzerhand ihre Bikes auf unsere Terrasse zu binden und die Beiden auf unserem Sofa mitzunehmen. Statt 19.00 Uhr konnten wir eine Stunde später die Strasse passieren. Es war bereits am Eindunkeln und vor uns waren zwei Hirten mit einer Pferdeherde. Langsam fuhren wir hinter den Pferden her, bis diese Platz machten. Gerade als wir das Letzte passieren wollten, schlug uns dieses mit seinen beschlagenen Hufen direkt in die Seitentür des Busses… – Stimmung auf dem Tiefpunkt! Da die Hirten zu diesem Zeitpunkt nirgends zu sehen waren und wir nicht mitten in der Walachei aussteigen wollten, fuhren wir weiter bis zu einem möglichen Schlafplatz. Die beiden Frauen waren sehr dankbar, dass wir sie über den Berg gebracht hatten. Sie stellten ihr Zelt neben unserem Bus auf und gaben uns noch etwas Brot, welches sie vom Russen erhalten hatten. Unsere Route ging am nächsten Tag nicht mehr viel weiter, da nach einigen Kilometern der Weg ebenfalls wieder aufgrund Bauarbeiten gesperrt war. Deshalb kehrten wir um und trafen auf dem Gipfel des Abano Passes auf die beiden Hirten. Leider hatten beide keine Haftpflichtversicherung und offensichtlich hatten sie auch die finanziellen Mittel nicht, um den Schaden zu begleichen – shit happens.

Für unser nächstes Offroad-Abenteuer, nahe der Grenze zu Asarbaidschan, benötigen wir eine Genehmigung der Grenzpolizei. Diese mussten wir wiederum in Tiflis beantragen und abholen. Da sich die Strecke zudem in einem Nationalpark befand, mussten wir in dem Dorf vor dem Einstieg auf die Route, eine Bewilligung im Tourismusbüro abholen. Die folgenden Tage führten durch einen verlassenen Flughafen der Sowjetzeit über nasse, matschige und unheimlich glitschige Feldwege zu gut passierbaren Aussichtspunkten durch ausgetrocknete Bachbette und an unzähligen Grenzpolizei Checkpoints vorbei. Unterwegs sahen wir nebst vielen farbigen Vögeln sogar zwei Gazellen, ein Feldhase, eine Eule und eine Schlange. Auf der ganzen Route hatten wir keinen Handyempfang und abgesehen vom Kontakt mit den Grenzpolizisten den ganzen Tag keine Menschenseele angetroffen.

Insgesamt wollten wir vier verschiedene Routen machen. Die Vierte hatte es jedoch sehr in sich. Als wir einen Übernachtungsplatz suchten, stellte die Bodenfreiheit unseres Büsslis eine Hürde dar. Wir haben uns das erste Mal festgefahren, resp. das ganze Auto haben wir auf dem Schlamm aufgebockt. Zum Glück hatte Dorian vor der Reise „Track Grabbers“ (Gummiklötze, die an allen vier Rädern montiert werden) gekauft. Dank dieser konnten wir uns selber und innert kurzer Zeit wieder „befreien“. Die mon- und demontage jedoch, war etwas «schlammig» und mühsehlig. Später als geplant erreichten wir unseren Schlafplatz bei einem Schlammvulkan. Da es bereits am Eindunkeln war, haben wir uns entschieden diesen erst am nächsten Tag zu besichtigen.

Um 8.00 Uhr morgens wurden wir dann von Regentropfen auf dem Dach geweckt. Da wir bei der Anfahrt zum Vulkan bereits festgestellt hatten, dass der Untergrund bei Regen extrem glitschig werden kann, sind wir sofort aufgestanden und losgefahren. Wir wollten nicht riskieren, einige Tage an diesem Ort festzusitzen. Nach ein paar Kilometern entschieden wir uns jedoch nicht mehr weiterzufahren, weil es zu gefährlich wurde. Es war extrem rutschig und teilweise rutschten wir fast seitwärts den Hang hinunter. Wir stellten uns darauf ein, dass wir bei schlechtem Wetter rund 3-4 Tage an diesem Ort verweilen müssen. Nach einigen Stunden hörte es jedoch auf zu regnen und der Boden trocknete schneller als wir erwartet hatten. Also versuchten wir erneut vom Track wegzukommen – diesmal mit Erfolg. Die vierte Route haben wir später an einem grossen Schlammloch abgebrochen. Wir hatten genug Action und waren es leid, zu riskieren, dass wir uns festfahren. Die Gefahr, dass wir auch alleine nicht mehr herauskommen würden, war zu gross. Was rückwirkend auch die richtige Entscheidung war. Als wir den Nationalpark nach zwei weiteren Stunden endlich verlassen hatten, fing es nämlich an wie aus Kübeln zu regnen …

Nachdem wir am nächsten Tag unser Wasser aufgefüllt, das Auto und uns geputzt und eingekauft hatten, ging unsere Reise weiter nach Stepantsminda. Die beiden Deutschen, Lara und Marcel, waren nämlich da und wollten am Wochenende eine Wanderung an den Anfang des Gergeti Gletschers machen. Wir haben uns gerne angeschlossen und es hat sich mehr als gelohnt. Die Wanderung war zwar mit 1100 Höhenmetern in 16 km ziemlich anstrengend, aber die Natur einmal mehr wunderschön.

Wir verbrachten noch einmal ein paar schöne Tage zusammen, welche wir mit gutem Essen und einem Spieleabend sehr genossen haben. Vielen Dank für die leckere Linsenlasagne!

Nach einem längeren Gespräch zu Zweit haben wir uns dann entschieden, dass wir die russische Grenze überqueren und die Transitfahrt nach Kasachstan in Angriff nehmen wollen. Von unserer Reise haben wir sehr lange geträumt … wir haben viel mit anderen Reisenden (WhatsApp Gruppen, Facebook-Gruppen, persönlichen Gesprächen) gesprochen und die PRO und CONTRAS für uns abgewogen. Der Grenzübertritt von Georgien nach Russland dauerte für uns rund acht Stunden, den genauen Ablauf haben the travely in ihrem Blog ausführlich festgehalten, was auch uns extrem weitergeholfen hat (https://the-travely.com/auf-nach-zentralasien-von-georgien-ueber-russland-nach-kasachstan-erfahrungsbericht/). Am Abend hatten wir dann endlich Russland erreicht. Hier war es anfangs nicht möglich, eine Versicherung für unseren Van zu lösen, da dieser „zu alt sei“. Diese Information hatten wir bereits vorgängig von anderen Reisenden erhalten. Wir konnten jedoch neben dem Versicherungshäuschen kurz nach der Grenze übernachten, hatten dort WLAN und so die Möglichkeit, bis am nächsten Tag zu überlegen, was wir nun machen wollen. Die Zeit haben wir genutzt und andere Reisenden kontaktiert, welche nur wenige Tage zuvor die Grenze überquert hatten. Deshalb wussten wir auch, dass es unterschiedliche Versicherungen gibt und einige auch ältere Fahrzeuge versichern würden. Am nächsten Morgen wurden wir auch fündig und mit Google Übersetzer, konnten wir dann auch bei einer sehr freundlichen Dame die Versicherung abschliessen. Während sie die Arbeit erledigte, erhielten wir einen Tee. Bezüglich unseres 48h dauernden Transits durch Russland können wir sagen, dass die Menschen, welche wir getroffen haben (hauptsächlich Polizei, Militär und Versicherungsangestellte), alle sehr freundlich und hilfsbereit waren. Ausserdem waren die Orte und Landschaften, welche wir gesehen haben, sehr, sehr sauber (mindestens so sauber wie in der Schweiz) und auf einem relativ hohen Niveau im Vergleich zu den anderen Ländern! Anmerkung der Redaktion: unsere Vorurteile / Erwartungen hätten falscher nicht sein können.

An der Grenze zu Kasachstan mussten wir dann zwei Stunden warten, bis wir an der Reihe waren. In dieser Zeit hat sich eine Blase von Männern aus Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan und Kirgistan um unseren Van gebildet. Alle wollten wissen, was wir hier machen, wie unsere Reiseroute aussieht, wie wir in unserem Bus leben etc. Auch hier, alle unglaublich freundlich. Am Zoll zu Kasachstan wurden wir mit einem freundlichen „Welcome to Kazachstan“ begrüsst.

Fazit der achten Etappe:

Nachdem wir frisch in Georgien eingereist waren, trafen wir die ersten Zeitzeugen der Sowjetära an. Zum einen sind dies die gelben, überirdisch verlegten Gasleitungen, welche in jedes Haus führen, und zum anderen stellten wir rasch fest, dass viele der älteren Menschen vorwiegend die russische Sprache, anstelle der englischen, beherrschen. Im Vergleich zur Türkei, war hier ausserdem der Liter Benzin noch einmal etwas günstiger (ca. CHF 0.85 -> und in Russland sogar nur noch ca. CHF 0.45).

Waren wir im letzten Blogpost noch über die Risikobereitschaft der türkischen Verkehrsteilnehmer verwundert, war dies eigentlich „Nasenwasser“. Jede Lücke wird hier genutzt, egal ob rechts oder links, ob Gegenverkehr oder man einfach Lust hat, mitten im Stau eine vierspurige Strasse von ganz rechts nach ganz links oder gar die Fahrtrichtung zu wechseln – hier gibt es alles. Die Autos sehen dementsprechend aus: Bei den wenigen Autos, welche noch über eine Stossstange verfügen, sprechen die vielen Beulen, die verschiedenen Lackierungen und die sichtbaren Flecken an Spachtelmasse eigene Worte. Die Strassen waren für uns, aufgrund der unzähligen und extrem tiefen Schlaglöchern, nachts tabu. Prekär wird das Ganze dann, wenn man die Schlaglöcher bei Regen nicht mehr sieht. Aufgrund der fehlenden Abwasservorrichtungen kann man so ein lustiges Ratespiel spielen und hoffen, dass man dabei kein Schlagloch trifft. Dazu kommt, dass es vielerorts bereits bei wenig Regen zu Stromausfällen kommt. Während unseres Aufenthaltes in Georgien kam es zweimal zu einem grossflächigen Stromausfall. Für verwöhnte Schweizer, wie wir es sind, ist ein zuverlässiges Stromnetz selbstverständlich und wir können uns nicht mehr an den letzten Stromausfall in der Schweiz erinnern.

Auch bezüglich des Erscheinungsbildes der Menschen war es hier (wahrscheinlich aufgrund der Religion) wieder viel kunterbunter.

Georgien hat aufgrund des Kaukasus eine sehr der Schweiz ähnelnde (jedoch, aufgrund der viel höheren Berggipfeln, eher «mächtigere») Natur, bietet jedoch an der Grenze zu Asarbeidschan für uns eine fremde, schöne, wüstenähnliche und weitläufige Umgebung.